N06 - Paris - Roubaix

Geschafft!

171 Kilometer, 750 Höhenmeter, 51 Kilometer Pavés, Durchschnittstempo: 22 km/h

Es war eine Tortur, aber ich habe sie ohne größere Blessuren überstanden. Wenn man in mein Alter kommt, werden Rennen und Wettkämpfe wie diese zu etwas ganz Besonderem. Weder habe ich die Zeit noch das Talent unserer jungen Cracks im Verein, noch das der älteren Multitalente. Vielmehr gehe ich die Sache mit einer gewissen Trainingsgrundlage und einem Riesendickschädel an. Der ist ja typisch für unseren schönen Sport - den Triathlon - bei dem auf jedem Level am Ende nur das eine zählen sollte: zu finishen!
Ich stehe vielleicht stellvertretend für viele ältere und nicht hochtalentierte Athleten, die schon mitten im Berufsleben stehen, eine Familien ernähren und noch zahlreiche andere Pflichten haben. Es ist alles andere als ein Kinderspiel, mit unserem zeitlichen Budget und einem im Vergleich zu den Überfliegern eingeschränktem Talent sportliche Höchstleistungen wie einen Ironman oder einen Radklassiker zu absolvieren.

Ein kurzer Bericht von einem  denkwürdigen Tag:
3.30 Uhr Abfahrt in Köln. Gegen halb acht erreichten wir in dichtestem Nebel Busigny.  Eine Stunde später als geplant ging es dann um halb neun Uhr aufs Rad. Die erste halbe Stunde war ich flott unterwegs, der Schnitt nahe 30 km/h, knapp vierhundert Höhenmeter schon hinter mir, wunderbar!
Dann kam das erste Pavé und ich merkte rasch, dass die 700 Meter lange Kopfsteinstrecke vor Schloss Falkenlust bei Brühl mir zwar eine gewisse Ahnung davon vermittelt hat, wie es ist, auf so einem Belag zu fahren, aber mehr als eine Ahnung war es eben doch nicht.
Ich wurde durchgerüttelt, die Steine waren noch etwas seifig, es ging leicht bergab … schlimm! Zum Glück fand ich bald einen Engländer, der noch langsamer fuhr, und so hielt ich mich eine Zeitlang an ihn.
Sechs Pavé-Stücke später, nach gut 44 Kilometern, die erste Verpflegungsstelle. Reichlich Nahrung aufnehmen - denk daran, was Benja gesagt hat! - und Getränke und dann ging es weiter.
Nach 74 Kilometern passierte ich zahlreiche Wohnmobile und dann bog ich ein in den Wald von Arenberg, die legendäre Pavé-Passage, in der schon mancher Favorit schwer zu Sturz gekommen war.
Wie heißt es so schön: grobes Kopfsteinpflaster - dickes Blatt und volle Kanne bei gut 25 bis 30 km/h! Meine Kanne war aber schon halb leer und mehr als 15 km/h war auch nicht drin! Ich spürte also jeden kindskopfgroßen Pflasterstein und die fingerbreiten Abstände dazwischen erst recht. Nach 2,5 Kilometern war dann aber auch diese Tortur zu Ende.

Meinen nächsten Begleiter - natürlich ein Engländer - verlor ich unterwegs, als er vom Randstreifen abkam und einfach in den Acker fiel. "You're alright?" "Yeah, go on"! Also weiter. Allmählich zermürbten mich die Kopfsteinpflasterpassagen - achtundzwanzig sollten es insgesamt sein - und auch die Autobahnbrücken wurden immer steiler und länger! Bei Kilometer 133, am letzten Verpflegungspunkt, lagen sieben Pavés noch vor mir, doch langsam näherte ich mich meinem persönlichen Ende dieses Rennens. Ich hatte zwar jede Gelegenheit genutzt, etwas zu essen und zu trinken, schließlich verbrannte man an so einem Tag viele Tausend Kalorien, doch allmählich war mir von der Rüttelei auf dem Pflaster speiübel geworden. Hätte Martina mich hier nicht motiviert, weiterzumachen, ich hätte das Rad in den Acker geschmissen und wäre ausgestiegen.

Nach einer mehr als viertelstündigen Pause ging es weiter. Mit dem Carrefour de l'Arbre lag ein weiteres Fünfsterne-Pavé noch vor mir. Als ich es nach mittlerweile knapp 150 Kilometern erreichte und eine Zeitmessschranke passierte, traute ich meinen Augen nicht: Neben dem aufklaffenden Pflaster gab es immer wieder handtellerbreite längere Grasstreifen - die würde ich fahren! Und obwohl ich mittlerweile fast sieben Stunden im Sattel gesessen hatte, Schwielen an den Händen spürte, meine Nacken mehr als verspannt war fuhr ich wie in Trance über das Gras, ohne auch nur einmal von der Strecke abzukommen. Jetzt hatte ich Gewissheit: An diesem Tag wird nichts mehr passieren! Ich würde nicht aus den Pedalen rutschen, nicht von der Strecke abkommen, keinen geplatzten Reifen auswechseln oder flicken müssen. Es sollte mein Tag werden!

Mit diesen und ähnlich euphorischen Gedanken flog ich geradezu in das vorletzte, "nur" 1,4 Kilometer lange Kopfsteinpflasterstück, als sich ein fulminanter Krampf in meinem Oberschenkel ankündigte! Im Grunde kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Pavés immer mit größtem Krafteinsatz gefahren werden mussten. So nahm ich Tempo heraus, trat nur noch mit links, zog das rechte Bein im Pedal mit und dann hatte ich auch diese Passage absolviert.
Kurz darauf schloss ich zu einem weiteren Mitfahrer auf (natürlich ein Engländer!), mit dem die letzte halbe Stunde in netter Unterhaltung wie im Flug verging. Gegen 17.00 Uhr hatte ich das Vélodrôme von Roubaix erreicht, bog in die legendäre Rennbahn ein und lag in Martinas Amen: Geschafft! Ich hatte nach einer Nettofahrtzeit von 7:49:18 Stunden das Ziel erreicht. Die Bilanz: 171 Kilometer, davon 51 km Pavés, 750 Höhenmeter, 22 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit.

Das Fazit: Nie mehr!! Na gut, vielleicht Mailand-San Remo nächstes Jahr … Zwei Monumente fehlen mir noch.

Euer Gerhard